Die Welt ist Google
"Strategisches Investment" und "Win-win-Situation" - wie sich die weltgrößte Suchmaschine unaufhaltsam Bücher einverleibt.
Der Größte hat gut lachen. Die Suchmaschinenfirma Google hat gerade, am Mittwochabend, eine Telefonkonferenz mit einigen europäischen Journalisten veranstaltet. Aus der Zentrale in Kalifornien zugeschaltet waren unter anderen der Direktor der Online-Buchsuche, die seit dem Jahr 2004 Millionen von Büchern aus amerikanischen und europäischen Bibliotheken und Verlagen in das Google-Universum inkorporiert hat, sowie der Chefjurist des Unternehmens für Urheberrechtsfragen.
Als nun aus dem alten Europa gefragt wurde: "Werden Sie eigentlich mit der Buchsuche jemals Geld verdienen?", da knackte es kurz in den transatlantischen Leitungen, und dann schallte von den jungen Managern in Mountain View bei Santa Clara ein lautes, helles Gelächter herüber.
Dieses Lachen gilt der Tatsache, dass, wer so fragt, nach Auffassung der Macher das Google-Prinzip gar nicht verstanden hat. Denn gewiss versieht Google die Treffer aus neuen, also urheberrechtlich geschützten Büchern - die deswegen nur in Ausschnitten angezeigt werden - mit Werbe-Links, also Anzeigen, und profitiert auch von der Kooperation mit den Verlagen und den Online-Buchhändlern, zu denen die Nutzer zum Kauf des gesamten Buches weitergeleitet werden, ob nun der Print-Version oder bald auch des E-Books.
Das ist das sogenannte Partnerprogramm, an dem inzwischen über 20.000 Verlage aus aller Welt teilnehmen. Aber ist schon hier der Aufwand des Scannens und Durchsuchbarmachens nach Auskunft von Google größer als die Einnahmen, so gilt dies ganz sicher für die Millionen von urheberrechtsfreien, also komplett zugänglichen älteren Büchern, die aus den Beständen von Bibliotheken eingelesen werden: Bei Treffern aus diesen Büchern schaltet Google keine Werbung; die Kosten des Projekts müssen immens sein, auch wenn Google keine Zahlen nennt.
Alles ganz einfach
Die Buchsuche mag also für sich genommen derzeit nicht profitabel sein, aber nach dem Google-Prinzip muss sie es auch nicht sein: Google ist insgesamt einfach derart riesig, dass sich das Scannen von Büchern schon allein zu dem Zweck rechnet, dass sich die Qualität und Vielfalt der Suchergebnisse dadurch erhöht - und man deswegen bei Google sucht und nicht irgendwo anders, was wiederum das Inserieren bei Google attraktiver macht. Daher sprechen die Manager der Buchsuche von einem "strategischen Investment", das "einfach" aus der Mission folge, "sämtliche Informationen der Welt online verfügbar zu machen". Google will sich schlicht auf allen Feldern des Wissens betätigen - jetzt auch verstärkt im Nachrichtengeschäft.
Solche Internet-Polymathie wäre für Google und die Buchbranche, die auf diese Weise neue Vertriebswege gewinnt, ein "Win-win" - wäre da nicht das Problem, dass die Inhaber der Urheberrechte nicht vor dem Einscannen der Bücher um Erlaubnis gefragt wurden, sondern nur nachträglich Einspruch erheben dürfen. Den Vergleich, den kürzlich US-Verleger und -Autoren mit Google geschlossen haben und über den ein New Yorker Gericht am 5. Mai befinden will, wollen die europäischen Rechteinhaber nicht unbesehen hinnehmen. Ein Hauptstreitpunkt sind die vergriffenen, also nicht mehr lieferbaren Bücher, die noch dem Urheberrecht unterliegen.
Google versicherte jetzt, man sei mit allen relevanten europäischen Organisationen von Rechte-Inhabern im Gespräch. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sagte jedoch der SZ, mit ihm, dem Verband der deutschen Verlage, habe Google noch keine Gespräche in dieser Sache aufgenommen. Vielleicht sieht man sich im Mai vor Gericht wieder.
Google-Historie
1998 – Internetportale outen Desinteresse an der entwickelten Suchtechnologie.
7. September 1998 – In einer Garage gründen Page und Brin die Google Inc. Mit einem Startkapital von umgerechnet 810.000 Euro bringen sie die erste Testversion des Programms auf den Markt.
Februar 1999 – Google bezieht mit acht Angestellten ein Büro in Palo Alto. Etwa 500.000 Suchanfragen werden täglich verzeichnet.
September 1999 – AOL und Netscape arbeiten mit Google zusammen, die Suchanfragen versechsfachen sich.
21. September 1999 – Google beendet offiziell seine Testphase und entfernt den "beta" Hinweis von der Webseite
Juni 2000 – Mit mehr als einer Milliarde Seiten im Index ist Google Marktführer bei Suchmaschinen geworden.
Dezember 2001 – Die Zahl von drei Milliarden Dokumentenzugriffen, darunter Beiträge bis zum Jahr 1981 zurück, wird erreicht.
Juli 2003 – Ein deutschsprachiger Nachrichtenservice wird angeboten. Angeblich entstehen hier Google-News ohne menschliches Eingreifen.
29. April 2004 – Google verkündet den seit geraumer Zeit erwarteten Gang an die US-Börse.
16. Mai 2004 – Peri Fleisher, eine Großnichte Edward Kassners und Mutter des Inhabers der Buchrechte an "Mathematics and the Imagination" (1940, Definition des Googol) erwägt in einem Interview pünktlich zum Börsengang eine Klage wegen der Namesrechte gegen Google. QuelleAm 1. August 2004 startete die Online-Registrierung für den IPO (Börsengang), von dem man sich einen Erlös von 3,3 Milliarden US-Dollar erhofft. Der ursprünglich geplante Ausgabepreis von 108 bis 135 Dollar je Aktie musste auf 80 bis 85 Dollar gesenkt werden, bevor die Aktie am 19. August 2004 zum ersten Mal in den Handel kam. Bereits am ersten Handelstag stieg der Kurs auf über 100 Dollar und machte damit Larry Page und Sergey Brin, die jeder noch etwa 38 Millionen Aktien halten, zu Multimilliardären.
Der Name „Google“
Die Bezeichnung rührt von der amerikanischen Aussprache des Wortes googol her. Diesen Ausdruck erfand Milton Sirotta (Neffe des US-amerikanischen Mathematikers Edward Kasner). Er wollte der Zahl mit einer Eins und hundert Nullen einen Namen geben. Die Google-Gründer wiederum waren auf der Suche nach einer treffenden Bezeichnung für die Fülle an Informationen, welche mit ihrer Suchmaschine im Web aufgefunden werden sollte.
Der Name basiert auf dem gleich auszusprechenden englischen googol (=10100) und soll die Assoziation mit einer ungeheuerlichen Zahl von indizierten Webseiten aufkommen lassen. In Wirklichkeit handelt es sich zurzeit (November 2004) „nur“ um etwas über 8 Milliarden (=8 109) laut Betreiberangaben: 8.058.044.651) Seiten. Diese Zahl wiederum nimmt sich noch klein aus gegenüber der geschätzten totalen Größenordnung von Webseiten von an die 500 Milliarden nter Berücksichtigung des Deep Web.
